Bei der zweiten Probe des „Freichors“ am 14. März 2025 wurde die Abwandlung eines Verses des Schweizer Komponisten
Hans Georg Nägeli (1773-1836) vorgetragen. Die Probe fand im Wohnzimmer von Sascha Trieblnig in den Gilgenmatten 5 in 79114 Freiburg-Weingarten statt: „Raummiete: 5 € pro Person“.
Es ist sicher kein Zufall, dass „Freichor“-Leiter Nikals Hötzer ausgerechnet Nägeli als Inspiration auswählte. Denn dieser gründete 1805 das Zürcherische Singinstitut, aus welchem 1810 der weltweit erste Männergesangverein hervorging. Zudem reiste Nägeli 1823/24 durch Süddeutschland, was zur Gründung der ersten deutschen Gesangvereine führte.
Aber Nägeli war Schweizer und sein Patriotismus gründete sich auf Kultur. Bei Nägeli heißt es dann auch: „Wir glauben an ein Vaterland, wo Kunst und Tugend wohnet.“ Von Kunst hält der „Freichor“ nicht besonders viel, wie das Vaterland-Video zeigt. Denn darin singen die Nazinachfahren Nägelis: „Wir glauben an ein Vaterland, wo Recht und Tugend wohnen.“
Nach der Probe war Hötzer sehr erregt: „Männer, ich danke euch für diese Probe! Heute waren wir 13(!) Männer. Von Probe 1 auf Probe 2 konnten wir uns fast verdoppeln! Und die Tendenz steigt! Das ist fantastisch! Ihr seid alle topmotiviert darauf, Neues zu lernen. Ich bin so glücklich, wie das Ganze Fahrt aufnimmt und wie positiv eure Rückmeldung an mich sind. Es war ein echt schöner Moment für mich wie emotional ihr mir zugehört habt als ich euch ,Die Grenzwacht hielt im Osten‘ vorgesungen habe.
Das Lied „Die Grenzwacht hielt im Osten“ heißt eigentlich „Die Baltenfahne“ und wurde 1920 von dem deutschbaltischen Adligen Carl Baron Manteuffel-Szoege gedichtet. Vermutlich wurde es inspiriert durch seinen Verwandten Hans von Manteuffel-Szoege, der 1919 als deutschbaltischer Offizier der „Baltischen Landeswehr“ starb:
„Die Baltenfahne
Die Grenzwacht hielt im Osten, dem Feinde lange stand,
Heut kehrt ihr letzter Posten, zurück ins Vaterland.
Erschöpft und aufgerieben, in treuer Ritterschaft,
Die Besten sind geblieben, uns ander’n brach die Kraft.
Doch bringen wir die Fahne, die wehend vor uns stritt,
Von Rigas blut’gem Plane, in allen Ehren mit.
Die sturmbewährt sich nimmer, vor einem Feind geneigt,
Und heute noch und immer, den Weg nach Osten zeigt.
Es rauscht dorthin zu mahnen, zu ihr der Väter Geist,
Trotz aller Not ein Ahnen, das deutsche Zukunft heißt.
Sind wir auch fremd geworden, euch Brüdern aus dem Reich,
Aus West und Süd und Norden, das Banner blieb sich gleich.
Ob wir auch hier verderben, das kümmere euch nicht,
Die Fahne zu vererben, ist unsere letzte Pflicht.
Ich darf nicht länger zagen, bald zwingt sie euren Sinn,
Nach Ostland sie zu tragen, sie will sie muss dorthin.
Nach Ostland sie zu tragen, sie will sie muss dorthin.“
Das Lied handelt vom verlorenen Kampf der „Baltikumer“ mit historischen Referenzen auf die Litauerkriege des Deutschen Ordens. Jenen deutschen Soldaten und rechtsradikalen Freikorps-Angehörigen also, darunter viele Deutschbalten, die 1919 nach Ende des Ersten Weltkriegs in Lettland, Litauen und Estland gegen die Rote Armee kämpften.
Die ersten beiden Strophen des Liedes betrauern den Verlust der Vormachtstellung der Deutschbalten, versinnbildlicht in der Rückholung der „Baltenfahne“. Dabei handelt es sich um die schwarze Fahne der „Eisernen Division“, auf der unter einem Totenkopf die Worte „UND DOCH“ stehen.
Der Militärputsch der Deutschbalten unter Andrievs Niedra gegen Ministerpräsident Kārlis Ulmanis, der 1934 selbst zum Diktator wurde, scheiterte 1919. In einer Art „baltischer Dolchstoßlegende“ werden in dem Lied die eigenen Verluste auf auf „Rigas blut’gem Plane“ mit der Entfremdung der Deutschen aus „West und Süd und Norden“ erklärt.
Keineswegs wird der deutschbaltische Machtanspruch aufgegeben, denn es heißt in dem Lied: „Und heute noch und immer, den Weg nach Osten zeigt.“ Die letzten beiden Strophen beschwören dann auch die „deutsche Zukunft“. Diese rachsüchtige Zukunft kam 1941 mit der Schlacht um das Baltikum und millionenfachem Mord, begangen durch deutsche Soldaten.
Aber wir müssen nicht erst ins Baltikum schauen. In Freiburg gab es bis 2017 im Stadtteil Rieselfeld den Ludwig-Heilmeyer-Weg, benannt nach dem bekannten Freiburger Mediziner. Nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts der Kommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen wurde der Weg in George-de-Hevesy-Weg umbenannt und mit einem Schild versehen:
„Die Straße war von 1994 bis 2017 nach dem Arzt und Leiter der Inneren Medizin an der Universitätsklinik Freiburg, Ludwig Heilmeyer, benannt. Die Umbenennung erfolgte wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus.“
Laut Abschlussbericht war Heilmeyer zuvor Freikorps-Soldat:
„Als freiwilliges Mitglied des Freikorps Epp hatte Heilmeyer an der blutigen Niederschlagung der Münchener Räterepublik teilgenommen. Das Freikorps (darunter Ernst Röhm, Rudolf Heß, Gregor und Otto Strasser) verübte dabei zahlreiche Morde. Später engagierte sich Heilmeyer im antidemokratisch ausgerichteten Stahlhelm, der dann 1933/1934 in die SA überführt wurde.
An der Universität Jena, deren frühe nationalsozialistische Ausrichtung schon den Zeitgenossen bekannt war, hat sich Heilmeyer – wie viele anderer Mediziner auch – an der Gründung eines Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes (NSD) nicht nur beteiligt, er wurde als Oberarzt vom NS-Landesminister Fritz Wächter vielmehr ausdrücklich damit beauftragt und wurde erster dortiger Dozentenschaftsführer (1933-1934).“